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Einführungsvortrag: Disability Studies in Deutschland

von Prof. Dr. Theresia Degener, LL.M. (Ev. Fachhochschule Bochum)
Bremen 18. Juli 2003
Sommeruni 2003 Disability Studies in Deutschland: Behinderung NEU denken!


Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,

Es ist für mich eine große Ehre, den Einführungsvortrag auf der ersten Disability Studies Sommeruniversität in Deutschland halten zu dürfen. Vor drei Jahren war ich mit meiner Familie für ein Jahr in den USA. Ich habe dort zu rechtlichen Fragen gelehrt und geforscht und ich habe mich erneut und intensiv mit Disability Studies beschäftigt. Disability Studies heißt übersetzt "Behindertenwissenschaft". Es ist eine neue Art, wissenschaftlich über Behinderung zu denken. Damals habe ich mir fest vorgenommen, diese neue Art des wissenschaftlichen Denkens über Behinderung auch nach Deutschland zu bringen. Als ich an meine Fachhochschule in Bochum zurück kehrte habe ich dort angefangen, Disability Studies zu lehren. Ich habe auch mit vielen meiner Freunde und Freundinnen aus der Behindertenbewegung darüber gesprochen, wie wichtig Disability Studies für Deutschland ist.

Zusammen mit Anne Waldschmidt, habe ich deshalb im April 2002 die "Arbeitsgemeinschaft Disability Studies in Deutschland - Wir forschen selbst" ins Leben gerufen. Etwas früher hatten auch andere Leute die Idee, Disability Studies in Deutschland bekannt zu machen. Im Zusammenhang mit der Ausstellung "Der (Im)perfekte Mensch", organisierte das Deutsche Hygienemuseum und die Aktion Mensch im Sommer 2001 eine Disability Studies Konferenz in Dresden. Ein Jahr später war noch eine Konferenz in Berlin.

Das waren schon erste wichtige Schritte. Daß wir nun im Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderung 2003 sogar eine eigene Sommeruniversität zu Disability Studies haben werden, das hätte ich damals in Kalifornien selbst in meinen kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt. Das ist ein großartiger Erfolg, und den beiden Organisatorinnen, Gisela Hermes und Swantje Köbsell möchte ich bereits jetzt herzlich dafür danken.

Ich möchte in den nächsten 20 Minuten versuchen, zwei Fragen zu beantworten. Die erste Frage lautet: Was ist Disability Studies? Die zweite Frage heißt: Wie sollte Disability Studies in Deutschland aussehen?

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1. Was ist Disability Studies?

Disability Studies könnte man mit Behinderungswissenschaft übersetzen, aber ich benutze lieber den englischen Begriff Disability Studies, weil er in vielen Ländern dieser Welt benutzt wird (auch dort, wo man nicht englisch spricht) und weil er für einen bestimmten Inhalt steht.

Disability Studies ist zunächst eine politische Wissenschaft, denn sie hat sich aus der politischen Behindertenbewegung entwickelt. Die Erfahrungen, die die Behindertenbewegungen, die vor etwa vierzig Jahren entstanden, politisch gemacht haben, sind der Boden, auf denen die Gedanken der Disability Studies (DS) entstanden. Eine der wichtigsten politischen Dinge, die die Behindertenbewegung gelernt hat ist, daß Behinderte unterdrückt und ausgesondert werden, so wie andere Minderheiten oder andere Gruppen in der Bevölkerung auch. Behinderte werden ebenso diskriminiert wie Menschen mit dunkler Hautfarbe oder wie Frauen. Die Diskriminierung und Unterdrückung behinderter Menschen sind die eigentliche Probleme. Aber das wird selten zugegeben. Statt dessen wird immer wieder gesagt, Behinderte würden leiden, weil ihnen etwas fehlen würde, ein Arm oder zwei, die Beine, die Augen oder ein schnelles Gehirn. Behinderte, die sich für ihre Rechte einsetzen, wissen aber daß es die Treppen sind, die Rollstuhlfahrern das Leben schwer machen, daß es die fehlende Gebärdensprache ist, die gehörlose Menschen einsam macht, daß es die schwere Sprache ist, die Menschen mit Lernschwierigkeiten daran hindert zu verstehen.

Politische Behindertenbewegungen gibt es nun auf der ganzen Welt, aber Disability Studies gibt es erst in wenigen Ländern. Zuerst gab es Disability Studies in den USA und in England wo sie Anfang der 80er Jahre erstmals an Universitäten gelehrt wurde. Heute gibt es in diesen beiden Staaten eigene Professuren für Disability Studies. An einigen Universitäten gibt es bereits eigene Abteilungen, in denen nur Disability Studies gelehrt und geforscht wird. Inzwischen wird disability studies aber auch z.B. in Kanada, Australien, Norwegen, Frankreich, Irland, Südafrika oder in Japan gelehrt.

Als geistige Väter der Disability Studies gelten in den USA der behinderte Soziologe Irving Kenneth Zola und in England der behinderte Sozialwissenschaftler Michael Oliver. Beide entwickelten etwa gleichzeitig die Theorie des sozialen Models von Behinderung als Gegensatz zum medizinischen Model von Behinderung. Nach dem sozialen Model ist Behinderung vor allem sozial konstruiert, d.h. Behinderung wird von der Gesellschaft künstlich zu einem Problem gemacht. Nach dem medizinischen Model ist Behinderung vor allem eine krankhafte Störung, d.h. die Gesellschaft denkt, dass Behinderung ein Fehler der Behinderten selbst ist.

Nach dem sozialen Model sind es die Treppen am Eingang eines Hauses, die es einer Rollstuhlfahrerin unmöglich machen in das Haus hinein zu kommen. Nach dem medizinischen Model kommt die Rollstuhlfahrerin nicht in das Haus, weil sie nicht gehen kann. Sieht man die Treppen als das Problem, dann besteht die Lösung darin, eine Rampe zu bauen. Sieht man die Unfähigkeit zu Laufen als Problem, dann besteht die Lösung darin, die Behinderte zu heilen und wenn das nicht geht, muß sie eben draußen bleiben.

Disability Studies gehen also davon aus, daß Behinderung von außen gemacht wird und nur teilweise von innen kommt. Als Wissenschaft stellen Disability Studies die Frage, wie genau dieses "von außen machen" geht. Es wird die Frage gestellt, wer eigentlich darüber entscheidet, wer behindert ist oder nicht. Es wird die Frage gestellt, warum nichtbehinderte Architekten es sich erlauben können nur Treppen und keine Rampen zu bauen. Es werden die Fragen gestellt, warum in der Schule keine Gebärdensprache unterrichtet wird und warum behinderte Kinder in eine Sonderschule gehen müssen.

Weil die Konstruktion von Behinderung - also dieses "von außen machen" - in allen Bereichen des Lebens stattfindet, sind Disability Studies interdisziplinär. Interdisziplinär bedeutet, daß viele verschiedene Fachrichtungen aus verschiedenen Wissenschaften zusammen kommen. So gibt es Soziologen, Juristen, Mediziner, Geschichts- Literatur- oder Wirtschaftswissenschaftler, die disability studies betreiben. Je nach Fachrichtung werden unterschiedliche Fragen untersucht. Eine Geschichtswissenschaftlerin beschäftigt sich z.B. mit der Frage, wie Behinderte im Mittelalter behandelt wurden, oder welche berühmten Menschen, die vor langer Zeit lebten eigentlich behindert waren. Eine Literaturwissenschaftlerin schaut nach, in welchen Märchen, Krimis, Romanen oder Gedichten behinderte Menschen vorkommen und welche Rollen sie in der Literatur spielen. Ich als Juristin beschäftige mich mit der Frage, wann man nach dem Gesetz als behindert gilt, wie Gerichte behinderte Menschen behandeln oder wo Gesetze ungerecht zu Behinderten sind.

Ihr konstruktivistischer Ansatz und ihre politischen Wurzeln verbinden Disability Studies mit der Frauenforschung und mit der in den USA oder England verbreiteten Critical Race Studies, die sich u.a. mit Rassismus beschäftigen. Wie diese versuchen die Disability Studies nicht nur den Weg, wie Geschlecht, "Rasse" bzw. Ethnie oder Behinderung, zu verstehen. Auch die Gruppe der Diskriminierten selbst soll durch die Forschung sichtbar gemacht werden. So widmen sich Disability Studies auch der Geschichte und Kultur der Behindertenbewegung. Die Entwicklung einer eigenen Behindertenkultur (also z.B. Filme, Theater, Tanz, etc.) gehört ebenso zum festen Bestandteil der Disability Studies, wie die Behauptung, dass Behinderte eine kulturelle Minderheit darstellen. Am weitesten fortgeschritten ist diese Annahme in der Gehörlosenforschung. Hier wird um die Frage gestritten, ob gehörlose Menschen behindert sind oder ob sie einfach nur eine andere Sprache (nämlich die Gebärdensprache) sprechen. Ein weiteres wichtiges Anliegen der Disability Studies ist es, behinderte Menschen als Wissenschaftler und Wissenschaftlerin zu fördern. Was Behinderung ist und welche wissenschaftlichen Fragen im Zusammenhang mit Behinderung bearbeitet werden, soll nicht mehr allein durch Nichtbehinderte bestimmt werden.

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2. Wie sollte Disability Studies in Deutschland aussehen?

Das soziale Modell von Behinderung ist eigentlich in Deutschland nichts Neues, sondern seit langem bekannt. In der Behindertenpädagogik wird es seit vielen Jahren z.B. von dem Wissenschaftler Ulrich Bleidick beschrieben. Das medizinische Modell von Behinderung wird heute fast einhellig von Sonder- und Heilpädagogen, Rehabilitationswissenschaftlerinnen und Behindertenpädagoginnen abgelehnt. Allerdings hat sich daraus bisher nur wenig neues Wissen über behinderte Menschen als unterdrückte Minderheit entwickelt. Auch in der politischen Behindertenarbeit in Deutschland spielt das soziale Modell von Behinderung seit mindestens dreißig Jahren eine Rolle. Aussagen, wie "behindert ist man nicht, behindert wird man" oder "Behinderung ist kein medizinisches sondern ein politisches Problem" sind andere Ausdrücke für das soziale Modell von Behinderung. Es gibt auch Zeitschriften und Bücher aus der deutschen Behindertenbewegung und aus der Wissenschaft, die man zu disability studies zählen könnte. Aber sie wurden bisher nicht so genannt.

Wir haben in Deutschland also eine Situation, in der die Ideen der Disability Studies in Wissenschaft und Politik schon vertreten werden. Trotzdem ist Disability Studies als neue Wissenschaftsrichtung noch weitgehend unbekannt. Das sollte geändert werden. In der Behindertenpolitik fehlt uns oft das theoretische Dach, für unsere zahlreichen Dinge, die wir tun. In der Wissenschaft wird Behinderung immer noch fast ausschließlich durch Nichtbehinderte erforscht und erklärt. Das soziale Model von Behinderung ist zwar modern geworden, es hat aber nicht wirklich zu einer grundlegenden Veränderung von Lehre und Ausbildung geführt. Es gibt viele Themen, die in Deutschland aktuell sind und für die Disability Studies wichtige Ideen geben könnte. Als Beispiele möchte ich die Gentechnologie und die medizinische Ethik nennen, oder die Diskriminierung behinderter Menschen im Alltag, oder die Aussonderung behinderter Schüler und Schülerinnen in Sonderschulen.

Es gibt also gute Gründe, Disability Studies in Deutschland voran zu treiben, und zwar durch Behinderte und Nichtbehinderte. Dabei müssen Behinderte eine wichtige Rolle spielen, denn viel zu lange haben Nichtbehinderte über Behinderte bestimmt und geforscht. Gleichzeitig muß aber auch klar sein, daß anders als in der Politik, in der Wissenschaft der Grundsatz der Freiheit der Forschung und Lehre herrscht, d.h. niemandem darf verboten werden, Disability Studies zu betreiben.

Disability Studies sollte in Deutschland innerhalb und außerhalb von Hochschulen betrieben werden. Innerhalb der Hochschulen sollten die Disability Studies nicht nur in den Fachbereichen der Behindertenpädagogik, sondern auch in allen anderen Fachbereichen, wie Recht, Medizin, Geschichte, Kunst, Literatur oder Philosophie geforscht und gelehrt werden. An unserer Fachhochschule biete ich z.B. seit dem Wintersemester 2000 /2001 im Rahmen des Faches "Recht, Verwaltung und Organisation" Disability Studies Seminare an. Dabei werden z.B. folgende Themen behandelt: Internationale Menschenrechte und Behinderung, Vorbeugung von sexualisierter Gewalt gegen behinderte Frauen, Antidiskriminierungsrechte für Behinderte, oder die Geschichte der Behindertenbewegung. Das soziale Modell von Behinderung ist in all diesen Lehrveranstaltungen ein wichtiger Bestandteil.

Wenn Disability Studies in Deutschland in den verschiedensten Wissenschaftsbereichen geforscht und gelehrt werden soll, dann müssen meines Erachtens zwei Fragen gestellt werden.

1. Ist das medizinische Model noch vorherrschend? Und wenn ja, wo und wie drückt sich das medizinische Modell von Behinderung in einem bestimmten Wissenschaftsbereich aus?

2. Was bedeutet es für die Theorie und für die Praxis, wenn das medizinische Modell von Behinderung durch das soziale Modell ersetzt wird?

Je nach Bereich fallen die Antworten unterschiedlich aus. Für den Bereich der Rechtswissenschaft etwa zeigt sich das medizinische Modell von Behinderung in der Verkürzung von Behindertenrecht auf Sozialrecht. Behindertenrecht, so wird gesagt, sei vor allem Sozialrecht und speziell Rehabilitationsrecht. Das stimmt nur, wenn ich Behinderung als medizinisches Problem sehe. Behinderte sind aber nicht nur Empfänger von Sozialleistungen. Sie sind auch Käufer und Verkäufer, Opfer oder Täter von Straftaten, Träger von Menschenrechten und vieles mehr. D.h. Behindertenrecht sollte auch Zivilrecht oder Strafrecht, oder Verfassungsrecht umfassen. In diesen Bereichen der Rechtswissenschaft kommen Behinderte aber selten vor. Das soziale Modell von Behinderung in der Rechtswissenschaft anzuwenden, bedeutet daher auch die Menschenrechte und insbesondere das Gleichstellungsrecht für Behinderte nutzbar zu machen. So würde ich die Fragen auf juristischem Gebiet angehen. Auf den Gebieten der Pädagogik, der Medizin oder der Informatik sind diese Fragen sicherlich ganz anders zu beantworten. Die heute eröffnete Sommeruni wird jede Menge Gelegenheit bieten, diesen und anderen Fragen nach zu gehen.

Außerhalb der Hochschulen sollten Disability Studies in Deutschland in eigenen Forschungs- und Bildungsinstituten der Behindertenbewegung voran getrieben werden. Disability Studies sollte insbesondere zur Entwicklung einer eigenen Kultur führen. Auch hier gibt es ja mit dem Kasseler Bildungs- und Forschungsinstitut zum Selbstbestimmten Leben und der Münchner Arbeitsgemeinschaft Behinderte in den Medien schon erste Vorreiter.

Disability Studies in Deutschland sollte aber nicht nur zu mehr Wissenschaftlichkeit in der Behindertenpolitik führen. Disability Studies sollte immer auch die Verbindung zur Politik halten und offen bleiben für diejenigen unter uns, die aus dem Bildungssystem ausgesondert wurden und noch werden. Damit meine ich insbesondere Menschen mit Lernschwierigkeiten, die allgemein geistig Behinderte genannt werden, diesen Begriff aber ablehnen. Wenn wir für Menschen mit Lernschwierigkeiten offen sein wollen, müssen wir lernen, einfache Sprache zu benutzen, denn sonst bauen wir selbst Barrieren auf. Ich habe mich bemüht, meinen Einführungsvortrag in einfacher Sprache zu halten und ich hoffe, es ist mir jedenfalls an einigen Stellen gelungen. Es war eine interessante Denkaufgabe für mich und ich kann nur jedem und jeder empfehlen, es auch einmal zu versuchen.


Mit diesen Worten möchte ich schließen. Ich wünsche uns allen zwei interessante, spannende und unterhaltsame Wochen Disability Studies auf der Bremer Sommeruni 2003. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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Disabilities Studies: Ansätze einer neuen Disziplin in den USA und UK und anderen Ländern - What it is and what it should be

von Prof. Dr. Theresia Degener, LL.M. (Ev. Fachhochschule Bochum)

Vortrag auf dem ersten Treffen einer Arbeitsgemeinschaft „Disability Studies in Deutschland” am Samstag, den 13. April 02, in der Universität Dortmund


1. Disability Studies: what it is

Disability Studies ist eine politische Wissenschaft insofern ihre Paradigmen und Wurzeln eng mit der Behindertenbewegung zusammen hängen. Die politischen Analysen und Erkenntnisse der Behindertenbewegungen, die in den 70er Jahren entstanden, sind die Basis, auf denen sich die Theorien der Disability Studies (DS) entwickelten. Behinderte sind danach in erster Linie Angehörige einer unterdrückten Minderheit. Ihre Diskriminierung und Unterdrückung sind die wesentlichen Faktoren, die das Phänomen Behinderung determinieren. Während emanzipative Behindertenbewegungen heute fast weltweit zu finden sind, hat sich DS als wissenschaftliche Disziplin erst in einigen wenigen Ländern Gehör verschafft. Ihren Ausgangspunkt nahm DS in den USA und in England, UK, wo es Anfang der 80er Jahre erstmals an Universitäten gelehrt wurde. Heute gibt es in beiden Staaten Lehrstühle für Disability Studies und an einigen Universitäten gibt es bereits eigene DS-Fakultäten. Gelehrt wird DS mittlerweile aber auch z.B. in Kanada, Australien, Norwegen, Frankreich, Irland, Deutschland.

Als Gründungsväter gelten in den USA der behinderte Soziologe Irving Kenneth Zola und in Grossbritannien der behinderte Sozialwissenschaftler Michael Oliver. Beide entwickelten etwa zeitgleich die Theorie des sozialen Models von Behinderung und setzten diese dem medizinischen Model von Behinderung entgegen. Nach ersterem ist Behinderung vor allem eine sozial konstruierte Kategorie, während sie nach letzterem vor allem eine krankhafte Störung darstellt. Disability Studies widmet sich der Frage, wie sich die soziale Konstruktion von Behinderung historisch, ökonomisch, kulturell, politisch, rechtlich, psychologisch, etc. vollzieht. Entsprechend interdisziplinär ist der wissenschaftliche Ansatz. Historikerinnen in DS untersuchen das Bild und die gesellschaftliche Stellung Behinderter in der Geschichte. Juristinnen erforschen die rechtliche Konstruktion von Behinderung, etc.

Die britische DS-Schule unterscheidet sich von der US-amerikanischen DS- Schule in ihrer politischen Geisteshaltung. Während die Briten in ihren Anfängen eher neo - marxistisch geprägt waren und z.T. heute noch sind, liegen die politischen Wurzeln der Amerikaner eher in der liberalen Bürgerrechtsbewegung. Heute, etwa zwanzig Jahre nach der Entstehung beider Denkschulen, ist dieser Unterschied jedoch nur noch marginal erkennbar und eher historisch relevant.

Ihr konstruktivistischer Ansatz und ihre politischen Wurzeln verbindet DS mit der Frauenforschung und mit der in den angelsächsischen Ländern verbreiteten critical race studies. Wie diese versucht DS nicht nur den sozialen Konstruktionsprozess zu analysieren. Auch die Minderheit selbst soll durch die Forschung sichtbar gemacht und aus der Sackgasse der Sonderwissenschaften (Sonder-, Heil-, Behindertenpädagogik bzw. Rehabilitationswissenschaften) in den allgemeinen wissenschaftlichen Diskurs gerückt werden. So widmet sich DS auch der Geschichte und Kultur der Behindertenberwegung, oder einzelner historischer Figuren, die behindert waren. Die Entwicklung einer eigenen Behindertenkultur (Filme, Theater, Lyrik, Tanz, etc.) gehört ebenso zum festen Bestandteil der DS, wie die These, dass Behinderte eine kulturelle Minderheit darstellen. Am weitesten fortgeschritten ist diese in der Gehörlosenforschung. Hier wird um die Frage gestritten, ob Gehörlosigkeit eine Behinderung oder ein Merkmal einer sprachliche Minderheit ist. In Abgrenzung zu den traditionellen Sonderwissenschaften liegt der Fokus der DS somit nicht auf Behinderung als Defekt sondern auf Behinderung als konstituierenden Faktor von Normalität. Wie die Behindertenbewegung darauf besteht, dass Behindertenpolitik von behinderten Menschen selbstbestimmt gemacht wird, vertreten DS Forscherinnen, dass Behinderung(swissenschaft) nicht mehr allein durch Nichtbehinderte definiert wird.

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2. What it should be (in Germany)

Das soziale Modell von Behinderung ist auch in Deutschland sowohl im traditionellen Wissensschaftsbereich als auch in der politischen Behindertenarbeit seit langem bekannt. In der Behindertenpädagogik wird es unter anderen Begrifflichkeiten seit langem von Bleidick u.a. vertreten. In der politischen Behindertenarbeit kam das soziale Modell von Behinderung in Slogans wie „behindert ist man nicht, behindert wird man” oder „Behinderung ist kein medizinisches sondern ein politisches Problem” zum Ausdruck. Auch zahlreiche Veröffentlichungen aus der Behindertenbewegung - wie etwa die „randschau” oder die bifos-Publikationen - lassen sich als deutsche DS-Produkte einordnen, ohne das sie bislang so genannt wurden.

Wir haben in Deutschland also eine Situation, in der die Paradigmen der DS in der traditionellen Behindertenwissenschaft bekannt sind und in der politischen Behindertenarbeit mehrheitlich vertreten wird, ohne dass in Theorie oder Politik der Bezug zu DS hergestellt wird. In der traditionellen Behindertenwissenschaft ist der fehlende Bezug legitim, denn die VertreterInnen der traditionellen Behindertenwissenschaften sind mehrheitlich nichtbehindert und die Ausbildung und Praxis der BehindertenarbeiterInnen (PädagogInnen, TherapeutInnen, etc.) folgen in Deutschland immer noch dem medizinischen Modell von Behinderung. Diagnostik und Therapie am behinderten Individuum sind nach wie vor die wichtigsten Werkzeuge der Ausbildung und Praxis. Behindertenwissenschaft in Deutschland ist nach wie vor eine Sonderwissenschaft. Der fehlende Bezug zu DS in der Behindertenpolitik bzw. in der Forschung, die von Mitgliedern der Behindertenbewegung selbst betrieben wird, ist bedauerlich. In der Politik fehlt uns oft der theoretische Überbau, aber auch die Fort- und Weiterbildung, wie sie im Rahmen von DS entwickelt werden könnten. Und die individuelle Forschung aus unseren Reihen steht immer vor der Gefahr entweder ignoriert oder vom mainstream vereinnahmt zu werden.

Es gibt also gute Gründe, DS in Deutschland voran zu treiben, und wir sollten es nicht den nichtbehinderten Mainstream - WissenschaftlerInnen überlassen, den Begriff DS für sich zu vereinnahmen, wenn er modern wird. DS sollt in Deutschland in und ausserhalb von Hochschulen betrieben werden. Innerhalb der Hochschulen sollte die Forschungsrichtung in alle Fakultäten bzw. Fachbereichen Einzug erhalten. An unserer Bochumer evangelischen Fachhochschule biete ich z.B. seit dem WS 2000 /2001 im Rahmen des Faches „Recht, Verwaltung und Organisation” DS - Lehrveranstaltungen an, die auch als DS-Veranstaltungen im Vorlesungsverzeichnis ausgezeichnet sind. Thematisch behandeln die Veranstaltungen so verschiedene Themen wie: Internationale Menschenrechte und Behinderung, Prävention von sexualisierter Gewalt gegen behinderte Frauen, Antidiskriminierungsrechte für Behinderte, und Behindertenbewegung und - Organisationen. Der Einzug von DS-Lehre und -Forschung in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen in Deutschland muss m.E. mit zwei Fragen verbunden sein.

1)Wo und wie manifestiert sich das medizinische Modell von Behinderung in dieser Disziplin?

2)Was bedeutet es für die Theoriebildung und für die Praxis, das soziale Modell von Behinderung entgegen zu setzen?

Je nach wissenschaftlicher Disziplin oder Praxisfeld fallen die Antworten unterschiedlich aus. Für den Bereich der Rechtswissenschaft etwa manifestiert sich das medizinische Modell von Behinderung in der Reduktion von Behindertenrecht auf Sozialrecht (und hier vornehmlich auf Rehabilitationsrecht), während verfassungs-, straf-, zivilrechtliche Fragen ausgeblendet werden. Das soziale Modell von Behinderung als Ausgangspunkt zu nehmen, bedeutet, die Gebiete Menschenrechte und Antidiskriminierungsrechte für Behinderte zu erschliessen. Auf den Gebieten der Pädagogik, der Medizin oder der Informatik sind die Fragen ganz anders zu beantworten.

Ausserhalb der Hochschulen sollte DS in Deutschland in eigenen Forschungs- und Bildungsinstituten der Behindertenbewegung voran getrieben werden und insbesondere zur Entwicklung einer eigenen DS-Kultur führen. Auch hier gibt es ja mit bifos (Bildungs- und Forschungsinstitut zum Selbstbestimmten Leben) und abm (Arbeitsgemeinschaft Behinderte in den Medien) schon erste VorreiterInnen.

DS in Deutschland sollte aber nicht nur zu mehr Wissenschaftlichkeit und Profilierung in der Behindertenpolitik führen, sondern auch immer die Verbindung zur Politik halten und offen bleiben für diejenigen unter uns, die aus dem Bildungssystem ausgesondert wurden und noch werden. Wie wir diese Verbindung und Offenheit umsetzen, muss diskutiert und reflektiert werden.

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Alltagsweltliche Vorstellungen zu 'Normalität' und 'Behinderung' im Internetforum ,1000 Fragen zur Bioethik' von Prof. Dr. Anne Waldschnmdt, Universität zu Köln gehalten auf dem 12. Treffen des AGDS am 26.04.08 in Bremen

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