Grafik: Collage aus verschiedenen Symbolen für Behinderungen

Disability Studies


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Was sind die Disability Studies?

Disability ist das englische Wort für „Behinderung”, „Studies” bedeutet „Studien”. „Disability Studies” könnte man also mit „Studien zu Behinderung” übersetzen. Entstanden in Großbritannien und den USA bilden die Disability Studies eine interdisziplinäre Klammer für alles wissenschaftliche Denken, dass Behinderung nicht als bloß körperlich-medizinisches Phänomen, sondern vor allem als soziales und gesellschaftliches Geschehen versteht.

Nicht die Beeinträchtigung als solche steht im Zentrum der Disability Studies, sondern die Bedeutung, die diese auf gesellschaftlicher, politischer und kultureller Ebene sowie für die Betroffenen hat. Damit legen die Disability Studies ihrem Denken und Forschen ein soziales Modell von Behinderung zu Grunde: Beeinträchtigung wird nicht durch die individuelle Besonderheit an sich zur Behinderung, sondern durch die gesellschaftlichen und ideologischen Bedingungen, die die Idee einer stabilen Norm festschreiben und so das Defizitäre des von ihr Abweichenden überhaupt erst produzieren.

Mit dieser Sichtweise grenzen sich die Disability Studies von einem medizinischen Modell ab, das Behinderung allein als ein den behinderten Individuen innewohnendes Defizit versteht. Die Disability Studies wollen mit dieser Fokussierung nicht die körperlichen und seelischen Auswirkungen von Beeinträchtigung verleugnen, sondern diese stärker als bisher in einen gesellschaftlichen Zusammenhang bringen, denn sie gehen davon aus, dass auch körperliches Geschehen niemals in einem wert- und diskursfreien Raum stattfindet. Deshalb ist es im Kontext von Disability Studies wichtig, zwischen Beeinträchtigung - als individueller Ausgangssituation - und Behinderung - als gesellschaftlichem Konstrukt - zu unterscheiden.

So können Disability Studies Vieles sein: Das Aufzeigen von ausgrenzender Praxis im Rechtswesen, die Analyse der Ängste vor Behinderung, die Interpretation von stereotypen Bildern und Darstellungsweisen von behinderten Menschen in Kunst und Kultur, aber auch das Entwerfen von neuen Ideen für das Zusammenleben von behinderten und nichtbehinderten Menschen, wie die Entwicklung von barrierefreiem Lebensraum oder einer für alle zugänglichen leichten Sprache. Auch wird der Begriff von Behinderung weiter gefasst als bisher üblich: die Auswirkungen körperlicher Phänomene, die bisher nicht als Normabweichung gesehen werden, wie beispielsweise chronische und vorübergehende Krankheiten, Allergien, visuelle Beeinträchtigungen usw., können auf der Grundlage der Disability Studies auf neue Art und Weise analysiert werden. Vieles passt unter das Dach der Disability Studies, solange Behinderung und der abweichende Körper als ein sozialer Prozess betrachtet werden, und nicht als eine fixe biologische Tatsache.

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Woher kommen die Disability Studies?

Die Disability Studies sind aus den emanzipatorischen Behindertenbewegungen entstanden. Aus dem Widerstand behinderter Männer und Frauen gegen ihre Ausgrenzung aus dem öffentlichen Leben zum Beispiel durch Heimunterbringung, Sonderschulen oder Sonderarbeitsmärkte entstanden Anfang der 70er Jahre zunächst in Großbritannien und den USA, später auch in Deutschland Zusammenschlüsse behinderter Menschen, die sich mit dem ihnen zugedachten Platz am Rande der Gesellschaft nicht mehr abfinden wollten. Was mit Blockadeaktionen, Demos und Besetzungen begann, löste bald breite diskussionen über die Ursachen der Ausgrenzung und Abwertung beeinträchtigter Menschen aus.

Vor allem in Deutschland entspann sich in den letzten Jahrzehnten durch die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit (Zwangssterilisation und „Euthanasie”-Programm) und aktuellen Entwicklungen eine lebhafte Debatte über altes und neues eugenisches und bioethisches Denken. Ähnlich wie in den Gender Studies, den Critical Race und den Queer Studies wird in den Disability Studies der Versuch gemacht, die soziale Brisanz der gesellschaftlichen Unterdrückung einer Gruppe theoretisch zu fassen und ihren Forderungen und Kritiken ein wissenschaftliches Fundament zu geben.

In den USA schlossen sich 1982 behinderte Wissenschaftler/innen und Aktivist/innen um den behinderten Soziologen Irving Kenneth Zola zusammen. Sie gründeten die ”Society for the Study of Chronic Illness, Impairment and Disability” (SSCIID), die sich 1986 in ”Society for Disability Studies” (SDS) umbenannte. Etwa zeitgleich organisierten sich britische Forscher/innen um den ebenfalls behinderten Soziologen Michael Oliver. Sie gründeten 1990 mit der Forschungsgruppe „Disability Research Unit” an der University of Leeds (DRU) das erste Institut für Disability Studies in Europa, das 2000 zum interdisziplinären „Centre for Disability Studies” (CDS) erweitert wurde.

Seither haben sich die Disability Studies zu einem eigenen Fachgebiet entwickelt, das u.a. in den USA, Kanada, Australien, Großbritannien, Irland, Frankreich, Schweden, Norwegen als Bestandteil von interdisziplinären Studiengängen an vielen Universitäten und Colleges gelehrt wird. An einigen Hochschulen kann man Bachelor-, Master- oder PhD- Abschlüsse in Disability Studies machen. Daneben gibt es in vielen Ländern Zusammenschlüsse von Forscher/innen sowie Hochschulinstitute der Disability Studies.

Obwohl die britischen und die amerikanischen „Disability Studies Schulen” in etwa zeitgleich entstanden sind, unterscheiden sich die beiden Ansätze in ihrem Herangehen an das Thema: Die britische „Schule” ist eher politikwissenschaftlich und neomarxistisch geprägt und vertritt oft das soziale Modell „in Reinform”. Die amerikanische Herangehensweise ist pluralistischer und inhaltlich eher an den Kultur-, Geistes- und Geschichtswissenschaften (amerikanisch: „humanities”) orientiert, obwohl die Disability Studies auch hier zunächst in den Sozialwissenschaften entstanden sind. Vor allem durch den Austausch auf den alljährlich in den USA stattfindenden internationalen Konferenzen der SDS entwickelt sich die weltweite Vernetzung der Disability Studies Forscher/innen stetig weiter.

In Deutschland war die Bezeichnung „Disability Studies” bis vor einigen Jahren eher unbekannt. Und doch wurden bereits seit Beginn der deutschen Behindertenbewegung „Disability Studies” betrieben – nur wurde es nicht so genannt. Zahlreiche Publikationen, die aus der Behindertenbewegung in Deutschland bisher hervorgegangen sind, stellen nichts anderes als „Studien zu Behinderung” dar – im Sinne der Disability Studies.

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Warum Disability Studies?

Bisher finden Forschung und Lehre zum Thema Behinderung in erster Linie in jenen Wissenschaften statt, die sich mit der Behandlung körperlich und geistig „von der Norm abweichender Menschen” beschäftigen: Integrations-, Sonder-, Heil- und Behindertenpädagogik, Medizin und Psychologie. Diese Wissenschaften gehen überwiegend von einer defizitären Sichtweise aus: Behinderung ist für sie ein körperlicher oder geistiger Schaden, der Leiden verursacht und behoben werden muss. Die Anpassung der Abweichung an die gesellschaftliche Norm steht im Vordergrund, sei es durch spezielle Körperkorrekturen in der Medizin oder durch erzieherische Maßnahmen in den anderen Wissenschaften. Auch wenn in den letzten Jahrzehnten Anfänge eines Paradigmenwechsels in diesen Wissenschaften beobachtbar sind, so liegt ihr gesellschaftlicher Zweck doch immer noch in der Entwicklung von Anpassungsmaßnahmen.

In jüngster Zeit hat sich das Selbstbild behinderter Frauen und Männer jedoch gewandelt. Behinderung wird von vielen beeinträchtigten Menschen heute immer weniger an den körperlichen Einschränkungen, sondern an den gesellschaftlichen Barrieren festgemacht. Disability Studies kann man als Versuch verstehen, diese neue Sicht- und Denkweise theoretisch zu fundieren, sie zu begleiten, auszubauen – und so das neue Selbstbild von Menschen mit Beeinträchtigung und das neue Verständnis von Behinderung auch in den Wissenschaften „ankommen” zu lassen. Wo die traditionellen „Behindertenwissenschaften” oft noch mit einem überkommenen Behindertenbild operieren, versuchen die Disability Studies, Behinderung neu zu denken, „Behinderungswissenschaft” zu sein.

Dazu gehört, dass sich auch die Gegenstände und Methoden des Forschens und Lehrens wandeln. In den Disability Studies steht weniger die Sicht auf einzelne Beeinträchtigungen im Vordergrund, sondern vielmehr die Art und Weise, wie Behinderung gesellschaftlich und kulturell verstanden, konstruiert, diagnostiziert, zu- und festgeschrieben wird. Statt der Entwicklung von medizinischen und erzieherischen Interventionen werden neue diskurse gefördert, in denen „Beeinträchtigt-sein” nicht an sich als Problem, sondern als integraler Teil der menschlichen Existenzweise erscheint.

Behinderung kommt – ob als Bild der Krankheit, der Abweichung, des Alterns oder des Leidens – in mehr theoretischen diskursen vor, als ein oberflächlicher Blick zu erkennen vermag. Ob beispielsweise als (abwertende) Metapher, als Abgrenzungsfolie für die Konstruktion von Normalität in Alltag und Wissenschaft oder als Angstszenario in erzieherischen Disziplinierungsstrategien – Behinderung schwingt in Vielem indirekt und unbewusst mit, ohne dass es Gegenstand einer besonderen Analyse würde. Gerade die Tabuisierung von Behinderung - bei gleichzeitiger Omnipräsenz, auch und gerade in der Wissenschaft! – macht daher einen zentralen Ansatzpunkt für die Disability Studies aus. Diese wollen mit ihrer Arbeit eine Lücke in der Wissenschaft schließen, was nicht nur neues Wissen über Behinderung zu Tage fördern, sondern die Wissenschaft insgesamt verändern soll. So können die Disability Studies eine theoretische Basis bilden, von der aus die Kategorie Behinderung in all ihren Facetten neu ausgeleuchtet werden kann. Gleichzeitig kann durch die Perspektive der Disability Studies die Analyse von Forschungsgegenständen wie Körper, Geschlecht, Gesundheit, kulturelle Herkunft, soziale Ungleichheit usw. vertieft werden.

Damit den Disability Studies dies gelingt, ist eine neue Herangehensweise an den Gegenstand Behinderung notwendig. Wo früher oft Behinderte nur als Objekt der Forschung dienten, sollen sie jetzt als deren Subjekte ihre eigene Sicht mit in den Forschungsprozess einbringen. Dies erfordert methodologisch eine Schwerpunktsetzung auf qualitativ-hermeneutische statt auf quantitative Methoden. Dazu gehört auch, dass die tragenden Akteure der Disability Studies behinderte Menschen selbst sind – so wie beispielsweise die Women Studies auch von Frauen und die Queer Studies von lesbischen Frauen und schwulen Männern dominiert werden. Dies bedeutet jedoch nicht den Ausschluss Nichtbehinderter aus den Disability Studies. Schließlich ist das Ziel der Disability Studies, das neue Denken über Behinderung weit zu verbreiten und nicht in einem exklusiven Kreis zu belassen.

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